Interview: Guido Dwersteg – Einhand um den Atlantik

Interview: Guido Dwersteg – Einhand um den Atlantik

Viele wollen es, wenige haben es gemacht und er ist einer von ihnen: den Atlanik bezwingen. Doch damit nicht genug.

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Der 10.000 Meilen Mann in Action

Guido Dwersteg ist nicht nur über sondern um den Atlantik gesegelt … Einhand – d.h. solo, ohne Crew – … und das auf einer knapp 10m Yacht… etappenweise. Und das alles hat er mit einer Kamera festgehalten. Entstanden ist mehr als nur ein Film zum Thema Fahrtensegeln. Es ist ein Abenteuerfilm, eine mehr als 7 stündige Doku über einen Mann, das Meer und sein Boot.

Gerade erst seit Ende Oktober 2014 ist Guido wieder daheim in Koblenz und hat seine Reise, zu der er Mitte 2012 aufgebrochen war, beendet. Umso schöner ist es, dass der 2m Seebär, Blogger und Youtube-Star uns im Interview Einblicke in die Reise, seine Einstellung zum Segeln und seine Erfahrungen auf der Langfahrt gibt.

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Schön zu sehen: die südliche Passat-Route

TDS: Guido, wie bist du auf die Idee zum Einhandtörn gekommen?

GD: Im Winter 2011/2012 habe ich – wie in der segelfreien Zeit üblich – viel überlegt, was man in der kommenden Saison so machen könnte. Carpe Diem stand zu dieser Zeit in der Ostsee im Winterlager. Also in der Ostsee schippern? Wieder zurück in die Nordsee? Oder mal was wirklich Großes? Die vielen Bücher von Wilfried Erdmann hatten in mir schon lange die Sehnsucht nach einer Langfahrt geweckt. Nicht zuletzt deshalb, aber auch wegen einer persönlichen Krise Anfang 2011 (im März 2011 war ich für einige Monate an einer Depression erkrankt) kam ich dann irgendwann auf die Idee des Atlantik zu überqueren. Irgendwas musste mal wieder geschehen in meinen Leben. Und wenn schon, denn schon… also alleine bzw. Einhand.

TDS: Wie lange war deine Vorbereitungszeit?

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Die Carpe Diem, eine Bavaria 32 Holiday

GD: Im Grunde ging die Vorbereitung unmittelbar nach dem Entschluss zur Reise los, also etwa im Dezember 2011. Das Gros der Dinge war dann im Juni 2012 erledigt.

TDS: Die Carpe Diem (Bavaria 32 Holiday) hattest du schon vor dem Entschluss zum Atlantiktörn. Stand für dich von vornherein fest, dass du mit dem Boot segelst oder gab es Zweifel oder andere Überlegungen?

GD: Tatsächlich habe ich doch einige Zeit damit zugebracht zu überlegen, ob Carpe das richtige Boot für einen solchen Törn ist. Damals ging es ja sogar “nur” um die Passat-Route. An die vermeintlich anspruchsvollere Rücktour über den Nordatlantik habe ich zu dieser Zeit ja noch gar nicht gedacht. Alles in allem kam ich aber dennoch sehr schnell zu dem Entschluss die Fahrt mit Carpe zu machen. Erstens hatte ich ohnehin keine Mittel für ein großartig anderes Boot und zum Zweiten war mein Vertrauen in Carpe schon damals groß.

TDS: Welcher Abschnitt deiner Route war der Herausfordernste?

GD: Die sechs Tage zu den Kanaren und auch die anschließenden neun Tage zu den Kapverden waren für mich schwer. Nach der Biskaya waren dies die beiden ersten echten Langfahrten für mich. Auf dem Weg zu den kanarischen Inseln hat es im Grunde nie weniger als 6 Windstärken gehabt. Das war schon zermürbend wenn man das vorher nicht kennt. Richtung Kapverden war ich dann einfach nicht richtig ausgeruht. Auch hier hatte ich tageweise ordentlich Wind und war letztlich froh, auf den Kapverden für drei Wochen eine Pause einzulegen. Auf der Rückfahrt hatte ich es in den letzten Tagen vor den Azoren schwer. Wenig Schlaf, Starkwind genau gegenan und Sorge ums Boot haben doch am Nervenkostüm gezehrt.

TDS: Es heißt, ein Seemann kann überall jederzeit schlafen. Wie war das während der Fahrt? Hast du leicht in den Schlaf gefunden?

GD: Anfangs war schlafen wirklich schwer. Irgendwann gewöhnt man sich aber tatsächlich an die Unruhe und Bewegung im Schiff. Wenn es nicht gerade richtig gekachelt hat, konnte ich also recht gut schlafen. Nichtsdestotrotz kann man das nicht mit einem gesunden, normalen Schlaf wie zu Hause vergleichen. Man ist schon mehr oder weniger chronisch übermüdet. Als ich wieder zu Hause war hatte ich übrigens das umgekehrte Problem. In meiner ruhigen Heia bin ich spätestens alle Stunde wach geworden und wollte meine Umgebung checken 😉

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Wo er da wohl war?

TDS: Wenn du zurückblickst, was würdest du heute vermeiden wollen bzw. anders machen?

GD: Ich würde mir hier und da mehr Zeit nehmen. Auf der Hinfahrt war ich doch manchmal von zu viel Unruhe getrieben und wollte schnell viel Strecke machen.

TDS: Du wirkst in den Filmen (der 2. Teil, Rolling Home ist erst vor wenigen veröffentlicht worden) vor der Kamera sehr routiniert. Insgesamt sind die Filme absolut authentisch, nichts wirkt gekünstelt oder gestellt. Das kommt sehr sympathisch an. Hattest du vor dem Törn bereits Erfahrungen mit filmen und gefilmt werden? Was würdest du denen die auch an Bord filmen wollen mit auf den Weg geben?

GD: Nein, gar keine Erfahrungen. Weder im filmen, noch gefilmt werden. Ich bin da wohl sehr unbedarft und daher auch unaufgeregt dran gegangen. Mich zu verstellen oder Dinge falsch zu schildern, liegt ohnehin nicht in meiner Natur. Die Filme sollten ja in erster Linie auch nur eine Dokumentation für mich selbst und vielleicht ein paar Interessierte werden. Das da so ein großes Ding draus geworden ist, wundert mich bis heute 🙂

TDS: Solide Seemannschaft und gute Selbsteinschätzung sind für einen Skipper selbstverständlich. Was denkst du, sind noch wichtige Eigenschaften für Skipper, die den Atlantik per Segelboot überqueren wollen?

GD: Im Grunde hast du schon die wichtigsten Dinge genannt. Was den Rest betrifft, kommt es meiner Meinung darauf an, ob mit Crew oder ohne. Für eine Crew sollte der Skipper nach Möglichkeit immer Sicherheit und Souveränität ausstrahlen. Dazu gehört auch sowohl Ruhe als auch mal Autorität. Ohne Crew sollte der Skipper vor allem mit sich selbst und der Einsamkeit gut klar kommen. Das sollte man nicht unterschätzen.

TDS: In den letzten Jahren bist du nicht nur Einhand gesegelt. Wenn du eine Erfahrungen Einhand mit Crewsegeln vergleichst, worin bestand die größte Herausforderung, eher in alltäglichen Sachen, oder nautischen Belangen oder mental?

GD: Wie schon zuvor beschrieben, sollte man beim Einhand segeln gut mit sich und der Situation klar kommen. Wer ein Problem mit dem alleine sein hat oder schnell Angst bekommt, sollte sich gut überlegen alleine in See zu stechen.  Auch mir hat dann und wann der Austausch mit einem Gegenüber gefehlt. Dafür nervt aber auch keiner 😉 Das man beim alleine segeln eben alles (aber auch wirklich alles) alleine machen muss, versteht sich mehr oder weniger von selbst. Da geht keiner mal für dich Wache, kocht dir, nimmt dir ein Manöver ab oder schlüpft für dich ins nasse Ölzeug. Das machst immer du selbst und kann mitunter ganz schön anstrengend und auch mal nervig werden. Auch darüber sollte man sich im Klaren sein.

TDS: So ganz ohne Blessuren hast du den Törn nicht überstanden: an ner Muschel geschnitten, den Finger aufgerissen, unterwegs an der Bandscheibe operiert. Gab es unterwegs einen Punkt, an dem du hinschmeißen wolltest?

GD: Du hast den gebrochenen Zeh Richtung Kanaren vergessen 🙂 Die Blessuren waren natürlich ärgerlich, aber im Grunde nie ein Grund hinzuschmeissen. Zugegeben, die Bandscheibe hat mich schon ganz schön aus der Bahn geworfen. Da war ich aber ja schon fast zu Hause. Wenn ich mal wirklich übers aufgeben nachgedacht habe (und das tut man natürlich), dann eher wegen Erschöpfung nach langen anstrengenden Etappen oder aber wenn ich mich mal wirklich alleine gefühlt habe.

TDS: Wie hast du es angestellt, dass deine Frau/Freundin so hinter der Sache steht?

GD: Habe vorher die richtige Frau ausgesucht 😉

TDS: Dein Törn hat auch einen karitativen Hintergrund. Du hast Spendengelder für HELFT UNS LEBEN!, eine Initiative der Rhein-Zeitung, gesammelt. Magst du uns dazu noch was erzählen?

GD: Klaro. Die Idee mit dem Spenden sammeln kam mir ziemlich früh. Ich glaube damals war bei mir in der Gegend ein Sponsorenlauf oder so was. Was lag da näher, als auch mein Abenteuer mit einem guten Zweck zu verbinden. Schnell war damals mit HELFT UNS LEBEN! ein guter und zuverlässiger Partner hier vor Ort gefunden, der das ganze auch noch redaktionell etwas aufbereitet hat. Insgesamt kamen dabei knapp 5000 EUR für ein Hilfsprojekt in der Sahelzone zusammen. Coole Sache. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an alle Spender und “Meilen-Sponsoren”.

TDS: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für uns genommen hast. Gut Wind und immer ne handbreit Wasser unterm Kiel!

 

Links im Beitrag:

http://www.helft-uns-leben.de/

http://www.törn.de/

http://www.segel-filme.de

 

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